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T&V Letter | Q2 2026


Insight

In Japan werden laut dem Marktführer Unicharm bereits seit 2011 mehr Windeln für Erwachsene verkauft als für Babys. Was wie eine skurrile Randnotiz klingt, ist in Wahrheit ein Vorbote. Japan nimmt demografische Entwicklungen vorweg, die auch auf uns zukommen. Schon heute ist dort mehr als jeder zehnte Mensch über 80 Jahre alt, fast 30 Prozent sind über 65, und ganze Landstriche entvölkern sich, weil kaum noch Kinder geboren werden.


Auch die Schweiz hat solche Wendepunkte erreicht. Laut Bundesamt für Statistik überstieg 2025 die Zahl der Menschen ab 65 Jahren erstmals jene der unter 20-Jährigen. Seit 2019 gehen zudem jedes Jahr mehr Menschen in Pension, als junge Erwerbstätige nachrücken. Jährlich fehlen so rund 30'000 Personen, die in AHV und Pensionskassen einzahlen oder Steuern entrichten. Wie stark sich das Land verändert, zeigt eine weitere Zahl: Heute leben rund 1'500 über Hundertjährige in der Schweiz, bis 2050 dürften es etwa 15'000 sein.


Der Auslöser dieser Entwicklung ist die Geburtenrate. Die jüngsten verfügbaren Zahlen zeigen für 2024 einen Wert von 1,29 Kindern pro Frau, den tiefsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. Für eine stabile Bevölkerung ohne Zuwanderung wären 2,1 Kinder nötig. Die Schweiz ist kein Einzelfall. Eine Studie der Fachzeitschrift The Lancet schätzt, dass im Jahr 2100 nur noch sechs von rund 200 Ländern eine Geburtenrate über dem Erhaltungsniveau aufweisen werden.


Für die Wirtschaft ist das von grosser Tragweite. Eine alternde Gesellschaft verändert alles, von den Sozialwerken über den Arbeitsmarkt bis zu den Immobilienpreisen und der Frage, welche Branchen wachsen und welche schrumpfen. Gerade deshalb lohnt es sich, diesen Wandel im Blick zu behalten. Weil er schleichend verläuft, wird er von vielen noch kaum wahrgenommen.



Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

 

Die Aktienmärkte haben seit Jahresbeginn deutlich zugelegt. Der amerikanische Leitindex S&P 500 erreichte mehrfach neue Höchststände, getragen vor allem von grossen Technologiekonzernen rund um das Thema künstliche Intelligenz.


Wer die Entwicklung verstehen will, sollte sich nicht von Schlagzeilen leiten lassen, sondern die Fakten betrachten. Denn anders als oft angenommen ist diese Entwicklung nicht bloss von Euphorie getragen, sondern von stark steigenden Gewinnen. Im ersten Quartal legten die Gewinne der S&P-500-Unternehmen um rund 21 Prozent zu. Ein grosser Teil dieses Wachstums stammt von Firmen mit Bezug zu künstlicher Intelligenz. Weil die Gewinne stärker zulegten als die Kurse, sind US-Aktien sogar etwas günstiger bewertet als zuvor, und nicht teurer, wie viele annehmen. Gewinntechnisch sind die Märkte also nicht überteuert, aber es bleibt im Auge zu behalten, ob sich das Gewinnwachstum auf diesen Niveaus halten lässt.


Spannend ist auch, wie gelassen die Märkte derzeit mit dem anspruchsvollen makroökonomischen Umfeld umgehen: Inflation, Haushaltsdefizite, Zölle und höhere Zinsen belasten kaum. An einer dieser Fronten gab es zuletzt endlich Entspannung. Mitte Juni verkündete Präsident Trump eine vorläufige Einigung mit Iran zur Wiederöffnung der Strasse von Hormuz, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Erdöls fliesst. Der zuvor stark gestiegene Ölpreis fiel daraufhin deutlich.


Doch während viele auf das Öl schauen, bahnt sich bei einem anderen Rohstoff eine grundlegendere Entwicklung an. Bei einem, der unsere moderne Welt antreibt: Strom.

 

Rechenzentrum mit Umspannwerk, Hochspannungsleitungen und Kraftwerk im Hintergrund als Symbol für den steigenden Strombedarf durch künstliche Intelligenz.
Rechenzentrum mit Umspannwerk, Hochspannungsleitungen und Kraftwerk im Hintergrund (AI-generiert).

Strom wird zum neuen Öl

Jahrzehntelang war Strom in den Industrieländern ein Thema für Ingenieure, nicht für Investoren. Effizientere Geräte glichen den Mehrbedarf aus, in Europa und den USA stagnierte die Nachfrage über zwanzig Jahre. Diese Ära ist vorbei und verantwortlich dafür sind die grössten Technologiekonzerne der Welt. Für die künstliche Intelligenz errichten Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta und Oracle, in der Fachsprache «Hyperscaler» genannt, gewaltige Rechenzentren und bauen ihre Kapazitäten in atemberaubendem Tempo aus.


Benötigt werden diese Kapazitäten vor allem für das Training neuer KI-Modelle, ein Prozess, der enorme Mengen an Energie verschlingt. Der KI-Vordenker Leopold Aschenbrenner beschreibt in seinem bereits 2024 geschriebenen und vielbeachteten Essay, wie diese Konzerne in einen Wettlauf um immer grössere Rechencluster eingetreten sind, deren Strombedarf jede bisherige Grössenordnung sprengt. Das Cluster, auf dem OpenAI 2022 das Modell GPT-4 trainiert hat, benötigte rund 10 MW, so viel wie etwa zehntausend Haushalte und kostete gegen 500 Millionen Dollar. Aschenbrenner schrieb vor zwei Jahren, dass sich Leistung und Kosten dieser Anlagen etwa alle zwei Jahre verzehnfachen. Für 2026 bedeutete dies bereits ein Cluster von rund 1 GW, mit Kosten im zweistelligen Milliardenbereich.


Wie nah diese Prognose an der Realität liegt, zeigt sich bereits heute. Im Juni 2026 kündigten Microsoft und Chevron ein Rechenzentrum im texanischen Pecos an, dessen Strombedarf im Endausbau rund 2,67 GW erreichen soll. Die Versorgung übernimmt ein eigenes Gaskraftwerk mit sieben grossen Gasturbinen, völlig unabhängig vom öffentlichen Stromnetz. Zur Einordnung: Ein Gigawatt entspricht ungefähr der Leistung eines Kernkraftwerks. Eine grosse Gasturbine liefert rund 400 MW, ein modernes Windrad nur etwa 6 MW. Dieses Rechenzentrum verschlingt also fast so viel Strom wie drei Kernkraftwerke und das rund um die Uhr.


Und die Entwicklung steht laut Aschenbrenner erst am Anfang. Für 2028 rechnet er mit Clustern von 10 GW und Kosten in dreistelliger Milliardenhöhe, energietechnisch ist das so viel wie ein kleinerer US-Bundesstaat verbraucht. Bis 2030 hält er sogar ein einzelnes Cluster von 100 GW für möglich, mit Kosten von über tausend Milliarden Dollar, der für sich allein mehr als zwanzig Prozent der gesamten heutigen US-Stromproduktion beanspruchen würde.


Der eigentliche Engpass

Die Stromnachfrage wächst massiv schneller als das Angebot. Seit 1985 ist die US-Stromproduktion nur um rund 60 Prozent gestiegen. Auf diese träge Angebotsseite trifft nun eine Nachfrage, die durch künstliche Intelligenz in völlig neue Grössenordnungen vorstösst. Die Investitionen in KI-Infrastruktur sollen sich laut Aschenbrenner von rund 150 Milliarden Dollar im Jahr 2024 auf etwa 8’000 Milliarden Dollar bis 2030 vervielfachen, also um mehr als das Fünfzigfache. Für 2026 schätzte er rund 500 Milliarden Dollar. Tatsächlich liegt die angekündigte Investitionssumme der Hyperscaler für 2026 inzwischen bei rund 725 Milliarden Dollar und damit bereits 45 Prozent über seiner Schätzung. Diese gewaltigen Summen landen als Umsatz bei den Zulieferern. Ihre sprunghaft steigenden Gewinne sind einer der Treiber hinter dem eingangs erwähnten Gewinnwachstum der Indizes.


Woher die Energie kommen soll, ist denn auch keine einfache Frage. Sonne und Wind sind günstig, liefern aber nicht rund um die Uhr. Kurzfristig springt vor allem Erdgas ein und auch die Kernkraft erlebt ein Comeback. Zunehmend setzen die Betreiber zudem auf Brennstoffzellen, die sich direkt vor Ort installieren lassen. Allen Lösungen gemeinsam ist ein Ziel: die jahrelange Wartezeit auf einen Netzanschluss zu umgehen, indem die Stromversorgung direkt neben dem Rechenzentrum entsteht, wie beim erwähnten Projekt in Texas.


Unser Fazit

Strom wird zur strategischen Ressource, ganz ähnlich wie Öl im 20. Jahrhundert. Schon heute locken Golfstaaten die Hyperscaler mit billiger, nahezu unbegrenzter Energie. Gleichzeitig warnen Stimmen wie Aschenbrenner davor, diese Schlüsselinfrastruktur autoritären Regimen zu überlassen. Denn wer die Anlagen kontrolliert, auf denen die fortschrittlichste KI entsteht, verfügt über einen strategischen Machthebel ersten Ranges. Entscheidend ist nicht nur, wer die besten Modelle baut, sondern wer Energie, Rechenzentren und Kontrolle besitzt.


Wie immer danken wir für das uns entgegengebrachte Vertrauen!



*Diese Mitteilung dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt weder eine persönliche Empfehlung noch eine unabhängige Finanzanalyse dar.

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