T&V Letter | Q1 2026
- Thalmann & Verling Trust reg.

- vor 1 Tag
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Insight
Laut der Energiedenkfabrik Ember machten Elektroautos (reine Elektrofahrzeuge und Plug-in-Hybride) 2019 weltweit weniger als 3 % der Neuzulassungen von Personenwagen aus. Bis Ende 2025 war dieser Anteil auf rund 25 % gestiegen. Jedes vierte neu zugelassene Personenauto war elektrisch.
Was sich dabei verändert hat, ist nicht nur die Zahl, sondern das Muster. Laut Ember gab es 2019 weltweit genau vier Länder, in denen Elektroautos mehr als 10 % der Neuzulassungen von Personenwagen ausmachten. Alle vier lagen in Europa, allesamt kleine Märkte mit gezielter Förderpolitik. 2025 sind es bereits 39 Länder, zwölf davon ausserhalb Europas, darunter China (53 %), Singapur und Vietnam (je rund 40 %), Uruguay (27 %), Thailand (20 %), Costa Rica (17 %), Indonesien (15 %) und die USA (10 %). Besonders auffällig: Viele der schnell wachsenden Märkte sind keine reichen Industrienationen, sondern Schwellenländer, die den Verbrennungsmotor schlicht übersprungen haben.
Norwegen zeigt, wohin die Reise führen kann. Laut Visual Capitalist, basierend auf Daten der IEA und Ember, lag der EV-Anteil an norwegischen Neuzulassungen 2019 bereits bei 56 %, damals weltweit einzigartig und von vielen Experten als Sonderfall abgetan. Laut dem norwegischen Strassenverkehrsamt OFV waren es 2025 rund 96 %. In weniger als einer Generation hat sich ein ganzes Land von der Ausnahme zur Blaupause gewandelt.
Neue Technologien verbreiten sich selten linear. Sie kommen schleichend, werden unterschätzt und brechen dann plötzlich durch. Nicht immer dort wo man es erwartet, sondern dort, wo der Vorteil am grössten und der Widerstand am geringsten ist.
Geschätzte Leserin, geschätzter Leser
Das erste Quartal 2026 hatte es in sich. Was mit Handelsspannungen und Zollankündigungen begann, eskalierte im März mit einem Konflikt, den die wenigsten auf dem Radar hatten: Die Lage rund um den Iran verschärfte sich in einem Tempo, das die Märkte unvorbereitet traf. Der Ölpreis schnellte auf Niveaus, die zuletzt während der Energiekrise 2022 erreicht wurden. Die Börsen reagierten, wie sie es in solchen Momenten immer tun: zuerst mit Panik, dann mit Nachdenklichkeit.
Die Börsen weltweit gerieten unter Druck, der S&P 500 ebenso wie europäische und asiatische Märkte. Für Anleger im Schweizer Franken oder Euro kam erschwerend hinzu, was wir bereits aus dem Vorquartal kannten: Der US-Dollar wertete weiter ab, was internationale Kursverluste in Lokalwährung nochmals verstärkte.
Für eine Weltwirtschaft, die ohnehin mit gedämpftem Wachstum kämpft, ist teures Öl Gift. Es verteuert Produktion, belastet Konsumenten und drückt auf die Margen von Unternehmen quer durch alle Sektoren. Geopolitische Schocks dieser Art sind unangenehm, historisch betrachtet aber selten dauerhaft.
Was uns mehr beschäftigt als Ölpreise und Börsenkurse, ist ein Wandel der leiser vonstattengeht, aber tiefgreifender ist als alles der letzten Jahrzehnte.

Jenseits der Schlagzeilen
Im Februar dieses Jahres veröffentlichte Matt Shumer, Gründer eines KI-Unternehmens im Silicon Valley, einen Artikel der in Fachkreisen viel Aufmerksamkeit erntete. Er erinnert darin an Februar 2020: Die meisten Menschen lebten normal, die Kinder gingen zur Schule, man plante Reisen. Wer damals von einem Virus sprach der alles verändern würde, wurde kaum ernst genommen. Drei Wochen später war die Welt eine andere. Shumer sagt: Er glaubt, wir befinden uns gerade in einer ähnlichen Phase, nicht vor einer Pandemie, sondern vor einem technologischen Wandel der bereits im Gange ist, aber von den meisten noch nicht gespürt wird.
Er beschreibt seinen eigenen Arbeitsalltag: Er erklärt dem System was er will, verlässt seinen Schreibtisch für vier Stunden, und kommt zurück zu einem fertigen Ergebnis. Nicht einem Entwurf. Dem fertigen Ergebnis.
Was viele nicht wissen: KI verbessert sich nicht linear. Jahrelang gab es solide, aber absorbierbare Fortschritte. Dann beschleunigte sich das Tempo, und dann nochmals. Am 5. Februar 2026 veröffentlichten OpenAI und Anthropic gleichzeitig neue Modelle. Viele die nah dran sind beschreiben diesen Moment als Kipppunkt. Nicht wie ein Lichtschalter, sondern wie der Moment in dem man merkt, dass das Wasser schon bis zur Brust gestiegen ist.
Zur Einordnung: 2022 irrte sich KI noch bei simplen Rechenaufgaben. 2023 bestand sie die Anwaltsprüfung. 2024 schrieb sie funktionierende Software. Ende 2025 erklärten führende Ingenieure, sie hätten den Grossteil ihrer Programmierarbeit an KI-Systeme abgegeben. Das ist kein Zukunftsszenario. Das ist ein Rückblick auf vier Jahre.
Eine Forschungsorganisation namens METR misst regelmässig, wie lange KI-Systeme selbstständig arbeiten können. Vor einem Jahr waren es zehn Minuten, heute bereits mehrere Stunden. Der Wert verdoppelt sich alle sieben Monate. Verlängert man den Trend, sprechen wir innerhalb von zwei bis drei Jahren von Systemen, die selbstständig wochenlange Projekte bearbeiten.
Was das bedeutet
Betroffen ist nicht nur die Technologiebranche. Anwälte die Verträge prüfen und Recherchen durchführen, Analysten die Modelle bauen und Berichte schreiben, Ärzte die Befunde auswerten, Journalisten, Programmierer, Marketingfachleute — überall dort wo gelesen, geschrieben und entschieden wird, kann KI bereits mithalten. Dario Amodei, CEO von Anthropic, einem der führenden KI-Unternehmen der Welt, sagte öffentlich, KI werde in den nächsten ein bis fünf Jahren rund 50 % der Einstiegspositionen im Bürobereich ersetzen.
Was diesen Wandel von früheren Automatisierungswellen unterscheidet: Er trifft nicht eine Branche oder eine Tätigkeit. Er trifft kognitive Arbeit als Ganzes, und verbessert sich in allen Bereichen gleichzeitig.
Historisch betrachtet hat technologischer Wandel die Menschheit aber noch jedes Mal weitergebracht. Der Webstuhl hat die Textilindustrie nicht vernichtet, er hat sie transformiert. Das Internet hat nicht weniger Jobs geschaffen, sondern andere.
Was diesmal anders ist: die Geschwindigkeit und die Breite. Frühere Automatisierungswellen betrafen vor allem körperliche Arbeit. Diese trifft kognitive Arbeit. Nicht alle Berufe gleichzeitig und nicht von heute auf morgen. Aber die Richtung ist klar.
Unser Fazit
Geopolitik macht Lärm. Technologischer Wandel macht Geschichte. Shumer beschreibt treffend, dass jene Menschen gestärkt aus diesem Wandel hervorgehen werden, die gelernt haben mit dem Wandel mitzugehen. Sein Rat: Wer für 20 Dollar im Monat die aktuellsten Modelle nutzt und sich angewöhnt, täglich eine Stunde wirklich Neues auszuprobieren, wird nach sechs Monaten besser verstehen was kommt als die meisten Menschen in seinem Umfeld. Die kostenlosen Versionen hinken oft über ein Jahr hinterher. Die Hürde ist tief. Fast niemand tut es.
Wie immer danken wir für das uns entgegengebrachte Vertrauen!
*Diese Mitteilung dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt weder eine persönliche Empfehlung noch eine unabhängige Finanzanalyse dar.




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